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Warum ich Jäger bin

Über die Jagd als Handwerk und Lebenseinstellung, ihre Magie und ihren Sinn
Von Dominik Feusi, Bern

 

Anfang September. Ich liege im Berner Oberland auf der Lauer. Seit Stunden. Über dem Augstmatthorn geht golden-­rot die Sonne auf. Ein Schauspiel von magischer Erhabenheit. Die Dämmerung vertreibt den herbstlichen Sternenhimmel. Ein Specht ist schon an der Arbeit, ein Birkhahn fliegt vorbei. Weit und breit kein Hirsch. Weit und breit kein Handyempfang. Absolute Ruhe.

 

Gegen Mittag mache ich mich auf zum Kuhstall, den ich mit zwei Kollegen für eine Woche bewohne. Ich treffe auf zwei Wanderer, ein junges Paar, Mitte dreissig. «Sie sind so ein Jäger?», fragt sie. Da schwingt bereits der Vorwurf mit: Lustmörder, Tierquäler. «Ja», sage ich, «ich bin Jäger, und ich bin es gerne.» «Und schon etwas getötet?», fragt die Frau. «Nein, aber ich hatte einen wunderbaren Morgen.»

 

«Und wie erklären Sie die Jagd Ihren Kindern?», fragt sie schliesslich. Ja, wie erkläre ich das meinen Kindern eigentlich? Sie sind damit aufgewachsen, dass der Vater im Herbst tage- und manchmal eine ganze Woche lang nicht da ist. Sie haben gelernt, dass er manchmal etwas nach Hause bringt: ein Reh, eine Gämse oder eine Wildsau. Ich habe das Erlegen von Wildtieren den Kindern so erklärt: Wer Fleisch essen will, muss den Tod eines Tieres in Kauf nehmen. Schnitzel wachsen nicht am Baum. Ich respektiere jeden, der aufgrund dieser Tatsache auf Fleisch verzichtet.

 

Biologischer geht es nicht

Unsere Familie besteht aus «Rehganern»: Wir essen überwiegend Fleisch aus der Jagd. Ökologischer, gesünder und tierschutzgerechter geht nicht. Das Wild hat frei gelebt und gefressen, was es in der Natur gefunden hat. Ohne Kraftfutter oder Antibiotika. Keine Selbstverständlichkeit in Zeiten der Massentierhaltung und der Fleischskandale. Ich habe jedes Tier auf der Jagd aufgespürt und mich dabei an die Gesetze von Bund und Kanton und die weidmännischen Regeln gehalten. Diese garantieren, dass die Jagd nur abschöpft, was nachwächst. Es waren die Jagdverbände, welche diese Gesetze eingeführt haben.

 

Steht das Wild vor mir, frage ich mich: Stimmt die Distanz (maximal 200 Meter)? Habe ich freie und sichere Schussbahn und hinter dem Tier einen Kugelfang? Kann ich das Tier nach dem Schuss rasch bergen? Wenn das Tier im rechten Winkel zu mir steht, ziele ich und schiesse. So wie ich es Hunderte von Malen geübt habe und jedes Jahr wieder neu einübe.

 

Lust empfinde ich dabei keine und ich kenne keinen Jäger, der beim Schiessen Lust empfindet. Wenn alles stimmt, ist das der handwerkliche Akt, den es zu tun gilt. Die Anspannung ist gross, weil die Verantwortung gross ist. Ein aus einer guten Position abgegebener Schuss ist in fast allen Fällen sofort tödlich. Nichts ist einem Jäger wichtiger. Ich bringe das Tier nach dem Ausweiden vor Ort zu einem Metzger zum zerteilen und dann nach Hause auf den Tisch. Glauben Sie mir: Wer sein Fleisch selber erlegt hat, der geniesst anders.

 

Jagd ist eine uralte Kulturtechnik, ein Erbe der Menschheit. Sie fordert von mir als modernem Menschen längst verlernte Dinge ab: Fährten lesen, Spuren erkennen, Wege verfolgen, Tiere und ihr Verhalten verstehen. Und unmoderne Haltungen: Demut, Achtsamkeit und innere Ruhe. Alle anderen Outdoor-Aktivitäten sind von Aktivismus geprägt. Ob Klettern, Raften oder Jumpen: Das Erlebnis ist planbar und der Kick ist garantiert. Bei der Jagd ist nichts garantiert ausser das Warten. Wer das lernt, kommt der Natur nahe wie nie zuvor. Wir Jäger sind zusammen mit den Fischern übrigens die Einzigen, die für ihre Tätigkeit auch noch etwas bezahlen. Und es sind die Jäger, die oft zusammen mit lokalen Naturschützern regelmässig etwas für die Lebensräume von Pflanzen und Tieren unternehmen. Jagd bedeutet nützen und schützen der Natur.

 

Schwere Prüfung

Das merken und schätzen immer mehr Menschen. Im Kanton Bern stecken doppelt so viele «Jungjäger» in der Vorbereitung auf die Jagdprüfung wie vor fünf Jahren. Besonders der Anteil an Frauen und von Leuten wie mir steigt, die keinerlei Vorbilder in der Familie haben. Beides ist erfreulich. Jagen ist in der Schweiz zum Glück keine Sache der besseren ­Gesellschaft. Die hat sich längst auf den Golfplatz verabschiedet. Es ist nicht teurer als beispielsweise Skifahren. Ich jage mit den Bauern und Handwerkern aus meinem Dorf im Emmental. Die Jagd mit diesem Querschnitt unserer Gesellschaft bringt mich auf den Boden und erdet mich. Jagd ist kein Hobby, sondern eine Lebensart. Die Prüfung ist nach wie vor so schwer wie nirgends in Europa. Hinzu kommt eine jährliche Schiessübung. Das ist gut so: Wer jagen will, muss das Schiessen immer wieder trainieren.

 

Die Jagd ist auch in Zukunft nötig. Was wir Natur nennen, wird vom Menschen über Jahrhunderte gepflegt und genutzt. Das Wild würde sich zwar selbst regulieren, aber mit viel mehr Tieren als heute und entsprechend schlimmen Schäden in Wald und Feld, einem Vielfachen an Verkehrsunfällen und nicht zuletzt durch elendigliches Verenden der überzähligen Tiere im Winter. In einem holländischen Nationalpark wurde das ausprobiert. Die Bilder von kranken und ausgemergelten Hirschen zeigten die tierverachtende Ideologie der Jagdgegner. Die Jagd reduziert im Herbst die Bestände auf ein für die Landschaft und Biodiversität tragbares Mass. Darum ist Jagd eine öffentliche Aufgabe.

 

Jäger sind Erzeuger

Wer jagt, erntet wertvolle Dinge, wie Bauern, Fischer und Förster. Nicht nur Fleisch, sondern auch Pelz, ein biologisch und tierschutzgerecht entstandenes Naturprodukt – was die undifferenzierten Pelzgegner gerne übersehen. Jäger sind Hersteller von Murmeltierfett, von Leder und Schmuck.

 

Die Umwelt nützen und schützen. Je länger ich jage, desto tiefer wird meine Verbundenheit mit der Natur, mein Respekt vor der Schöpfung und meine Achtsamkeit im Umgang mit ihr. Jagd verfestigt sich so zu einer Lebenshaltung für den Alltag und einem Gerüst von Werten, das ich meinen Kindern weitergebe – egal, ob sie dereinst selber auf die Jagd gehen.

 

Originalartikel vom 14.10.2013 in der Basler Zeitung BAZ (PDF)

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