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Heulen in der Agglo

In der Schweiz leben gegen 30 Wölfe, jetzt ist ein Tier bis nach Zürich vorgedrungen. Städter müssen mit Sichtungen rechnen - dürfen aber gelassen bleiben.

 

Setzt doch den Wolf in Zürich aus!» Das fordern Wolfsgegner aus Schweizer Bergkantonen, wo das Raubtier seit bald 20 Jahren vorkommt, seit langem. Die wolfsfreundlichen Städter sollen einmal am eigenen Leib erleben, was es heisst, mit dem wilden Tier konfrontiert zu sein. Tatsächlich hat es nun erstmals ein Wolf in die Zürcher Vororte geschafft - ganz ohne fremde Hilfe. Am frühen Mittwochmorgen vergangener Woche hat ein Zug in Schlieren einen einjährigen Rüden erfasst. Schwere Verletzungen deuten darauf hin, dass das Tier sofort tot war.

 

«Dass ein Wolf bis nach Zürich vorgedrungen ist, überrascht mich nicht», sagt der Wolfsexperte Ralph Manz von der Stelle Koordinierte Forschungsprojekte für Raubtiere (Kora). «Jungtiere, die abwandern, können enorme Distanzen unter die Pfoten nehmen. Bis zu 60 Kilometer in einer einzigen Nacht.»

 

Auch in Zukunft ist mit dem Auftauchen des Wolfs in städtischem Gebiet zu rechnen. Vor den Toren St. Gallens hat ein Wolf im letzten Monat sogar zwei Lämmer gerissen. Trotzdem müssen weder Zürcher noch St. Galler um ihr Leben fürchten. «Der Wolf hat den Menschen nicht im Beuteschema», erklärt Manz. Die Wahrscheinlichkeit, das scheue Tier überhaupt zu Gesicht zu bekommen, sei äusserst gering. Findet dennoch eine Zufallsbegegnung statt, gilt es, sich dem Wolf nicht zu nähern und ihn keinesfalls zu füttern.

 

Lange gab es in der Schweiz gar keine Wölfe. Ende des 19. Jahrhunderts verschwand das Raubtier, allerdings überdauerten einige Populationen in Italien. Von dort aus schaffen es seit 1995 immer wieder Wölfe in die Schweiz, wo es gemäss den Hochrechnungen von Kora genügend Lebensraum für rund dreihundert Wölfe und sechzig Rudel hat. Ein Potenzial, das aber kaum jemals ausgeschöpft werden wird. Zu gross sind die Widerstände im Volk. Schwierig ist vorauszusagen, wo sich Wolfsrudel niederlassen. Forscher um den Biologen Luigi Maiorano von der Universität Rom erstellten mit Computermodellen solche Prognosen. Nur rund fünf Prozent des gesamten Alpenraumes bilden gemäss ihrer Studie erstklassiges Wolfsgebiet. Laut Maiorano sind die Raubtiere aber sehr anpassungsfähig und können sich auch in weniger geeigneten Gebieten vermehren.

 

Bereits jetzt lebt ein Wolfsrudel am Calanda-Massiv zwischen den Kantonen St. Gallen und Graubünden. Eine Kamera-Falle machte im Sommer 2012 die ersten Jungtiere aus, ein weiterer Wurf folgte ein Jahr später. In dieser Saison haben die Alphatiere des Rudels wohl erneut für Nachwuchs gesorgt. In einem Rudel leben die Eltern mit ihren Nachkommen der letzten beiden Jahre. Die Jungtiere verlassen das elterliche Revier in einem Alter von 10 bis 22 Monaten. Die Grösse des Territoriums richtet sich dabei vor allem nach der Anzahl der dort vorhandenen Beutetiere.

 

Zehn stattliche Wölfe

Im letzten November konnte eine Bäuerin das Calanda-Rudel im Taminatal fotografieren: Zehn stattliche Wölfe trotteten in der Nähe ihres Hofes einen schneebedeckten Hang empor. «Mittlerweile hat sich das Rudel in kleinere Gruppen zerteilt», sagt der St. Galler Wildhüter Rolf Wildhaber. Genetische Analysen werden bis in vier Wochen zeigen, ob der in Schlieren getötete Wolf dem Calanda-Rudel entsprang.

 

Auf der Suche nach einem neuen Territorium legen junge Männchen beeindruckende Entfernungen zurück. Falls der nun verunglückte Wolf aus dem Calanda-Massiv stammt, wäre seine Wanderung jedenfalls eher als Spaziergang zu bezeichnen. Einen deutschen Jungwolf führte die Suche nach Revier und Wölfin bis nach Weissrussland, wobei er ganz Polen durchqueren musste - eine 1500-Kilometer-Strecke.

 

Bei den Wölfen, die sich bis in die Schweizer Städte vorwagen, handelt es sich meist um Jungtiere auf der Durchreise. «Es ist nicht zu erwarten, dass sich Wölfe permanent in städtischem Gebiet ansiedeln», sagt Manz. «In der Schweiz gibt es derzeit so viele Hirsche, Rehe, Gemsen und Wildschweine wie nie zuvor. Für den Wolf liegt das Schlaraffenland in abgelegenen Wäldern, nicht in der Stadt.» Anders ist die Situation in den italienischen Abruzzen. Von dort ist bekannt, dass sich Wölfe in strengen Wintern bis in Dörfer vorwagen, um alte Pasta zu fressen. Spaghetti-Wölfe nennen sie die Einheimischen liebevoll. Dabei ist es gerade das Füttern der Raubtiere, das sie vom Menschen abhängig und damit gefährlich macht. Auch in Rom und Berlin sind bereits Wölfe auf Stadtgebiet gesichtet worden. Weil ihnen die Ruhe fehlt, siedeln sie sich dort aber nicht dauerhaft an.

 

In der Schweiz leben mittlerweile zwischen 20 und 30 Wölfe. Dass einer davon in der vergangenen Woche ausgerechnet in der Agglomeration der grössten Schweizer Stadt umkam, ist dem Zufall geschuldet. Nicht aber die Umstände seines Todes: Im Berner Oberland, im Tessin oder im Wallis kollidierten bereits früher Wölfe mit Fahrzeugen. «Als Wanderrouten nutzen die Tiere häufig geradlinige Strecken wie Strassen, Wege oder Geleise. Dort kommen sie viel effizienter vorwärts», sagt Manz. Mit dem Risiko, dass es auch einmal schiefläuft: «Gerade an unübersichtlichen Stellen, etwa vor Tunnels, kommen solche Unfälle häufig vor», erklärt der Römer Biologe Maiorano. «Die Wölfe nehmen einen Zug nicht als Gefahr wahr.»

 

Kein verstärkter Herdenschutz

Bei der Zürcher Jagdverwaltung nimmt man das erstmalige Auftauchen des Raubtiers im Kanton einigermassen gelassen. Derzeit brauche es - wegen eines toten Wolfs - keinen verstärkten Schutz von Schafherden. Zugleich freut man sich in den Bergkantonen, dass sich die Unterländer mit dem Wolf konfrontiert sehen. «Den nächsten Bären schicken wir euch dann auch noch runter», lautet ein spöttischer Online-Kommentar.

Quelle: NZZ am Sonntag vom 22.6.2014

 

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Karte "Wölfe in der Schweiz"

 

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